Ausmalbücher zu Jane Austen

Ja, so was gibt es auch … Szenen à la Jane Austen als Ausmalbücher für Erwachsene, analog zu den ganzen anderen Malbüchern für Erwachsene, die der Entspannung dienen sollen. Im Rahmen von “Beloved Jane” konnte ich nicht widerstehen und hab mir so was mal zugelegt. Nun ist diese Ausmalerei nicht so ganz meins – aber ich habs mal versucht …

Jane Austen Ausmalbuch, Szene mit Buntstift

Mal hab ichs mit Buntstift versucht …

Jane Austen Ausmalbuch Anfang

… mal mit Aquarellfarben

 

Jane Austen AUsmalbuch Einzelszenen Medaillons

Auf der anderen Seite gibt es einzelne Szenen – mit erläuterndem Text! – als Medaillon

Insgesamt handelt es sich um ein Leporello mit ineinander übergehenden Szenen. Im “Buchdeckel” finden sich dann mögliche Rahmen für die Medaillons – es ist für alles gesorgt 😉

Wer für sowas mehr Geduld hat als ich  – vielleicht ist das ja eine Anregung für lange Herbst- und Winterabende. Viel Vegnügen.

Mit lag hier – antiquarisch erworben – vor:

Jane Austens Welt, Colour in Art, Ill. v. I. Gilbert aus dem Ravensburger Verlag. ISBN: 9783473558780

Da gibts aber noch mehr:

Herbstgedichte = Melancholie?

Es fing schon im August an, dass viele meiner Besucher das Gedicht „Herbstbild“ anklickten. Seit Anfang September steht es regelmäßig jeden Tag als der meist geklickte Beitrag meines Blogs ganz oben in der Statistik. Ist der Text Schullektüre? Das mit der Häufigkeit der Treffer bei mir mag auch daran liegen, dass ich dieses Gedicht unter seiner Anfangszeile „Dies ist ein Herbsttag …” abgelegt habe – wer nach diesen Wörtern sucht, kommt kaum an mir vorbei. Es handelt sich um acht Zeilen, die einen wünschen lassen, mit dem Dichter zusammen diesen Tag zu erleben. Er weist wohl auf die Sehnsucht hin, mit dem viele von uns auf den Herbst reagieren nach dem Motto: So hätte ich den gern. Auf jeden Fall habe ich mir eine Interpretation dazu durchgelesen – und spürte Widerstand gegen die Behauptung von Hans-Peter Kraus, es handele sich um eine singuläre Erscheinung: menschenleer und ohne Melancholie den Herbst zu besingen (ich verkürze). Herbstgedichte hätten sonst immer Melancholie, Abschied und Tod als Hauptthemen. Da es ein lyrisches Ich gibt und das Wörtchen „man“ vorkommt, ist es nicht komplett menschenleer.

Und Herbstgedichte = Melancholie? Hm.

Also bin ich hingegangen und habe geschaut, welche Herbstgedichte ich auf meinem Blog im Laufe der Jahre eingestellt habe. Das sind schon einige:

Und – triefen sie alle vor Melancholie?

Bild Herbst Landschaft baumstamm, Bäume

Herbstliche Landschaft, Bild: A. Laudensack

Also, Mörikes Text nicht. So ein Septembermorgen ist eine schöne Sache – gerade, dass da etwas quasi enthüllt wird, macht die Farben lebendig und kräftig.

Es wird aber schon beim Titel deutlich, dass es auch darauf ankommt, welcher Teil des Herbstes das Thema ist – schließlich geht er von sommerlichen Septembertage über den goldenen Oktober bis in den November, ja Dezember hinein; da ist zwischen sommerlich anmutenden und winterlich düsteren  Tagen alles drin: Nebel (ein oft genutztes Bild für den Herbst), Regen, mal in Form von Schauern, mal als Dauerregen, mal aus dramatisch geformten Wolken oder aus einem gleichmäßig grauen Himmel fallend, erste Fröste und Schneeflocken und klirrende Kälte bei blitzblauem Himmel (ich erinnere mich, dass im November 1998 für ein paar Tage  -10° herrschten – in Köln!). Entsprechend unterschiedlich also die mögliche Ausgangslage von Herbstgedichten.

Herbstgedichte von Rainer Maria Rilke

Nehmen wir allein die beiden Beispiele vom Rainer Maria Rilke in meinem Fundus. In „Herbsttag“ schildert er quasi einen Verlauf – von sommerlich anmutenden Tagen hin zu den fallenden Blättern in der letzten Zeile. Passend zu dem Wandel, den er vorausahnt, hat er eine unregelmäßige Reimform genutzt; in der ersten Strophe verbirgt sich ein Reim mitten in der Zeile:

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren

Und auf den Fluren

Laß die Winde los

So könnte man diese Strophe ja auch notieren.

Rilke hat aber diese Form genutzt:

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren

Und auf den Fluren laß die Winde los

Der Reim „-eiben“ in der letzten Strophe weckt Erwartungen, was Menschen im Herbst noch machen können – doch beim dritten Einsatz handelt es sich um den Herbst selber, dem das Reimwort zufällt. In der Stimmung wandelt sich das Gedicht von großer Dankbarkeit „Der Sommer war sehr groß“ über die Hoffnung auf „zwei südlichere Tage“ hin zur Erwartung eher abgeklärten Umgangs mit einer weniger kommunikativen Zeit, die vor den Menschen liegt.

Das Gedicht „Herbst“ hat eine andere Stimmung. Fallende Blätter – da liegt Abschied nahe. Das Bild der im Himmel welkenden Gärten fällt reimschematisch und zeilenmäßig völlig raus – eine Assoziation, wie aus Zeit und Raum gefallen. Und die Erde fällt (übrigens die zwei Zeilen, die ich seit 35 Jahren immer wieder vergesse …) – ja, hier ist Melancholie im Spiel. Doch der Trost ist nahe – das Fallen ist unvermeidbar, aber nicht „ungeborgen“. Ein Dichter, zwei unterschiedliche Herbstgedichte – und da gibt es noch mehr.

Herbstgedichte bei Georg Trakl, Johann Heinrich Voss, Nikolaus Lenau, Christian Morgenstern und Wilhelm Busch

Dass Georg Trakls Gedicht eher eine düstere Komponente hat, hat mich nicht so überrascht – seine Gedichte sind in meiner Lesehistorie meistens mit dem Thema Tod verknüpft. Er nutzt eine einfach Vers- und Reimform – die einzelnen Wörter sind es, die die Atmosphäre schaffen: sich singend müh’n in der ersten  Strophe und der braune Wein in der zweiten und dritten Strophe; hier kommen Adjektive zu Verb resp. Substantiv, die nicht so recht passen wollen. Der Tod scheint unausweichlich – aber nicht wirklich erschreckend, wenn man die letzten beiden Zeilen nimmt:

Weit offen die Totenkammern sind

Und schön bemalt vom Sonnenschein.

Am ehesten entspricht noch das Gedicht von Johann Heinrich Voss dem, was Hans-Peter Kraus als Kennzeichen von Herbstgedichten bezeichnet hat: eine Beschreibung eines Herbsttages mit Ausblick auf spätere Entwicklungen und der Freude am Gerade-so-Sein des aktuellen Herbsttages. Doch es ist klar: Herbstzeit – „Herbstkleid“ – Sterbekleid der Natur. Der Trost liegt in der sicheren Wiederkehr des Frühjahrs.

Die holländische Landschaft von Nikolaus Lenau macht dagegen einen wirklich trüben Eindruck – ob das nur am Wetter liegt? Nebel und Herbst als Signal für den Stillstand der Natur, die sich in der Landschaft spiegelt.

Christian Morgensterns Oktobersturm hat so eine zwiespältige Lebendigkeit – weit entfernt von Frieden (dabei ist er vor dem ersten Weltkrieg gestorben …): Ein kurzes Gedicht in einfacher Liedform, mit starken Bildern: “purpurner Tod” – zusammen mit den schwankenden Bäumen der ersten Zeile und dem langen Wort “Lebenssturmträume” davor fühle ich mich so richtig vom Leben durchgeschüttelt. Dagegen ist das Bild vom Laubhaufen geradzu idyllisch – wenn nicht die Wendung mit dem Schauder am Ende wäre. Christian Morgenstern hat hier eins der Herbstgedichte geschaffen, in denen tatsächlich Tod und, ja, auch Verzweiflung herrschen.

Wilhelm Buschs Bild dagegen ist heiter – ähnlich wie Hebbel und Rilke ist Ernte als positives Element ihm wichtig. Die „guten Spinnen“ verzaubern die Landschaft mit ihren feinen Fäden – also auch hier eher Spätsommer, September als November. Eine besonders heitere Note bekommt das Gedicht dann durch den Schlenker am Schluss – Schäferidylle pur.

Herbstgedichte gibt es also so ’ne und solche – je nach Stimmung und Lage kann ich mir das Passende raussuchen.

Kennen Sie noch andere – möglichste gemeinfreie – Gedichte, die sich mit dieser Jahreszeit befassen? Dann freu ich mich über Ihren Hinweis.

Wie will ich bloggen?

Simone von Papiergeflüster hat eine Frage aufgeworfen, die mich in einer Variation auch schon eine Weile beschäftigt: Wie will ich bloggen?

Also:

  • Mit welchem Ziel?
  • Mit welchen “Aufgaben”?
  • Mit welchem Anspruch?

Ich habe die Kölner Leselust aus Lust am Lesen begonnen – und um meine Lesungsangebote etwas bekannter zu machen. Ich lese sehr gerne vor, kann das auch gut (das Feedback bekomme ich regelmäßig, wenn ich etwas vortrage) und habe mir vorgestellt, dass ich mit den Honoraren dann den Blog finanziere, ja, vielleicht sogar etwas Gewinn mache. Nun bin ich aber nicht die, die mit Werbung viel am Hut hat  – ich mag aufdringliche Banner und Buttons nicht, deshalb gibt es so was bei mir nicht.

Heike Baller Lesung Foto: A. Jüttner

So sehe ich dann in Aktion beim Vorlesen aus 😉
Foto: A. Jüttner

Und so wird mein Angebot nicht wahrgenommen. Meine Entscheidung. (Ich freu mich natürlich über jede Anfrage nach Lesungen und Vorträgen – meine Themenliste gibt es hier 😉 )

Ein anderer Aspekt: Der Kontakt zu Verlagen und Rezensionsexemplare.

Als ich das erste Mal auf der Buchmesse war, habe ich mich in zweifacher Hinsicht positioniert:

  • Ich rezensiere Sachbücher
  • Ich bin als Leiterin von Litraturkreisen eine Multiplikatorin

Das mit den Literaturkreisen ist inzwischen Geschichte.

Sachbücher liebe ich aber nach wie vor, v. a. Geschichtliches.

Aber: Der Erhalt von Rezensionsexemplaren ist verbunden mit der Erwartung des Verlags, dass da auch was kommt (auch wenn mir eine freundliche Ansprechpartnerin mal sagte, dass sie nicht damit rechne, dass es auch zu jedem versandten Buch eine Rezension gebe). Die Erwartungshaltung ist verständlich.

Nun hat mich in den vergangenen 18 Monaten das Leben ein bisschen gebeutelt – und ich hatte keine Kraft für “Pflichtlektüre”; auch wenn ich mir die Titel sehr sorgfältig auswähle, kam dieser Eindruck bei mir auf. Ergebnis: Ich habe mich im letzten Winter mit Karl May befasst 🙂 Und die Verlage mussten ein paar Rezensionen in meinem Blog abschreiben. Das ist mir nicht leicht gefallen – aber es ging nicht anders.

Damit ich nun nicht mehr solches Bauchweh haben muss, nicht mehr solchen Druck habe, in gewissem Zeitraum etwas Bestimmtes gelesen haben zu müssen und darüber bloggen zu müssen, habe ich entschieden, dass ich fortan auf Rezensionsexemplare verzichte. Eins oder zwei stehen noch aus – die habe ich schon vor einiger Zeit angefragt. Aber danach heißt es wieder: selber kaufen, als Geschenk wünschen, in der Bibliothek leihen.

Ich danke allen Verlagsmitarbeiterinnen, die mir Bücher zur Verfügung gestellt haben – es war schon toll. Ich werde Sie weiterhin mit Rezensionlinks bedenken, wenn ich über einen Titel aus Ihrem Verlag blogge – aber das Buch an mich können Sie sich sparen. Ja, und es werden dann wohl auch noch häufiger Titel aus der Backlist dabei sein. Von daher – wir bleiben in Kontakt.

Und ich werde noch mehr so bloggen, wie es mir in den Sinn kommt. Eben nicht nur über Bücher, auch wieder mehr über Gedichte, z. B. (Spoiler: Morgen …)

Steinpyramide Meer England

Foto: A. Laudensack

Puh – nachdem ich das fertig geschrieben habe, ist mir noch mal ein Stein von der Seele geplumpst. Offensichtlich war der Druck noch größer als gedacht. So kann ich nun entspannt weiterhin bloggen 🙂

By a Lady von Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke

Dem kurzen Leben von und der schlechten Quellenlage rund um Jane Austen entsprechend ist das Buch von Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke schmaler als eine Biographie zu Dickens oder Goethe. Dabei aber durchaus informativ und auch unterhaltsam. (Für jemanden, die ich wie ich schon einige Austen-Biographien gelesen hat, ist besonders die Einschätzung des erst genannten Kriteriums nicht immer einfach …)

Die beiden Autorinnen beginnen mit einer Szene, die zeigt, wie aktuell Jane Austen zur Zeit ist – sie beschreiben einen Jane-Austen-Ball … Im Laufe des Buches erwähnen Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke dann immer mal wieder, dass eine solche Anerkennung und Begeisterung für diese Autorin des frühen 19. Jahrhunderts erst jüngeren Datums ist.

Die Fakten aus Jane Austens Leben, die Zensur durch Cassandra, die Briefe vernichtete und verstümmelte, weil das Bild der „lieben Jane“ sonst evtl. beschädigt worden wäre – all‘ diese Komponenten einer Jane-Austen-Biographie erzählen Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke frisch und nutzen an manchen Stellen die Möglichkeit, Leben und Werk der Autorin in Beziehung zu setzen. Ihr Schwerpunkt ist eher die postive Reaktion aller auf Jane Austen, auch wenn das ein bisschen auf sich warten lässt; die Stimmen aus der Familie, die ihre liebe Tante dann mit den Maßstäben der neuen, viktorianischen, Zeit kritisierten, sind hier sehr zurückgenommen. Dafür kommen die Kritikerinnen aus der schreibenden Zunft im Kapitel „Jane Austen lebt!“ zur Sprache – bevor sich Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke den Nachfolgerinnen Janes widmen, denen, die unvollendete Werke zu Ende schrieben oder neue Geschichten um beliebte Figuren erfanden (einen Teil davon finden Sie auch in meiner Reihe „beloved Jane“). Auch die Verfilmungen werden hier vorgestellt.

Jane Austen Rükenansicht gezeichnet von Cassandra Austen, Coverbild des Nuces von Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke

Cassandra Austen hat ihre Schwester Jane hier von hinten gezeichnet – Sie finden es auf dem Cover der Biographie

Im Ganzen handelt es sich um eine gut erzählte Biographie, die mit einigen Bildern und vielen Zitaten aufwartet.

Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke: By a Lady. Das Leben der Jane Austen. Biographie. Lambert Schneider Verlag, Wiesbaden, 2017, ISBN: 9783650401823

In meinem Bücherregal finden sich noch weitere, ältere Biographien, deren Titel ich hier kurz nennen möchte (je mit einer Anmerkung in Klammern, was ich davon hielt/halte oder bemerkenswert finde):

  • Elsemarie Maletzke: Jane Austen. Eine Biographie, Schöffling & Co., Frankfurt/Main, 1997, ISBN: 3895616028 (Ich mag die Biographien von Elsemarie Maletzke – sie hat einen lebhaften Stil)
  • Valerie Grosvenor Myer: Jane Austen. Ein Leben, übersetzt von Christine Frick-Gerke, S. Fischer Verlag, 1998 (das Original erschien 1997), ISBN: 3100278097 (Es gibt eine Neuauflage. Eine sehr detaillierte Biographie.)
  • Deidre Le Faye: Jane Austen und ihre Zeit, übersetzt von Anja Schünemann und Michael Windgassen, Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin, 2002, ISBN: 3875844475 (In  manchen Aspekten fast ein Bildband, auf schwerem Papier gedruckt und mit einer allgemein gehaltenen Einführung in die damalige Zeit. Daneben ausführliche Inhaltsangaben der Romane.)

Wie man an den Erscheinungsdaten ablesen kann, ist das Todesjahr von Jane Austen in den letzten 20 Jahren immer Anlass gewesen, eine neue Publikation zu wagen …

Diese Besprechung gehört zu meiner Reihe “beloved Jane” anlässlich des 200. Todestags der Autorin in diesem Sommer.

Folgende Titel befinden sich in der Stadtbibliothek Köln:

Elsemarie Maletzke: Jane Austen. Eine Biographie, Schöffling & Co., Frankfurt/Main, 1997

Valerie Grosvenor Myer: Jane Austen. Ein Leben, übersetzt von Christine Frick-Gerke, S. Fischer Verlag, 1998

Das besprochene Buch ebenfalls 😉

Gedicht zum Tag: Hochmut von E. Marlitt

rp_Bild-hauptsache-Lyrik-300x2431-150x150111111111111111.jpgHochmut

Hochmütig kann ein großer Geist nicht sein,
Reichtum und Mangel haben nichts gemein,
Dem Misston wird sich Wohlklang nie vermählen,
Hochmut braucht Raum – den leeren Kopf allein!
Ein luftig Reich voll eitel Trug und Schein
Wird er sich stets zum Herrschgebiet erwählen!

E. Marlitt

The Late Scholar von Jill Paton Walsh

Erst jetzt bin ich dazu gekommen, die zweite eigenständige Fortsetzung der Peter-und Harriet-Wimsey-Geschichten von Jill Paton Walsh zu lesen. Das Buch ist bereits 2013 erschienen und genau wie das über die Attenbury-Smaragde nicht auf Deutsch. Schade.

Jill Paton Walsh lässt Harriet und Peter nach Oxford zurückkehren. Peter hat, ohne vorher davon zu wissen, mit dem Titel des Herzogs von seinem Bruder Gerald auch das Ehrenamt des „Visitors“ am St. Severin’s College geerbt. Davon erfährt er in einem Brief, in dem er gebeten wird, das College aufzusuchen. Die Bitte wird dringlicher noch von zwei Personen vorgetragen, die ihn persönlich aufsuchen. Unabhängig voneinander tauchen zwei Mitglieder des Kollegiums auf, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Das College steckt tief in den roten Zahlen. Nun wurde ihm von anonymer Seite ein Stück Land am Rande der Stadt angeboten. Es zu erwerben, ist kein Geld da. Es zu haben, hieße für die Zukunft große Chancen zu erlangen, denn Oxford expandiert. Damit wäre die finazielle Zukunft des Colleges gesichert. Nun steht die Überlegung im Raum, ein mittelalterliches Manuskript zu verkaufen. Es handelt sich um eine Ausgabe eines Textes von Boethius De consolatione philosophiae – mit einem interlinear gesetzten Glossar in Anglo-Sächsisch.

Jill Paton Walsh The Late Scholar Boethius Inkunabel

Eine Inkunabel – also ein Erstdruck – des genannten Werks von Boethius mit handgemalten Illustrationen.

König Alfred war der Herrscher, der im 9. Jahrhundert diesen Text seinen Untertanen empfahl. Er hat selbst an der Übersetzung mitgewirkt. Es gab zu seiner Zeit eine große Anzahl von Kopien dieses Textes. Das Exemplar des Colleges ist beschädigt, es gibt aber Theorien darüber, dass es trotzdem von Wert ein könnte – es gehört aufgrund seines Alters in die Regierungszeit Alfreds und es wird spekuliert, dass er es selbst benutzt haben könnte.

Noch während der erste von Peters Besuchern in Denver ist, gibt es die Meldung eines Todesfalls aus dem College. Für den Dozenten ist damit Peters Kommen obsolet. Der zweite Dozent, der später auf den Plan tritt, ist über den Tod des Kollegen in Oxford deutlich erschütterter als sein bereits abgereister Kollege. Im Kollegium des Colleges gibt es zwei streng geschiedene Fraktionen für und gegen den Verkauf des Manuskripts. Zwischen ihnen steht es unentschieden. Der Rektor, dessen Stimme entscheidend sein könnte, ist seit Monaten verschwunden. Das ist so irregulär, dass Peter und Harriet beschließen, dem Ruf zu folgen. Peter macht sich erst einmal alleine auf den Weg, Harriet folgt später nach.

Neben den Todesfällen – es bleibt nicht bei dem einen – kommen noch zwei weitere Anschläge zur Sprache, die nicht „erfolgreich“ verliefen. Allen Anschlägen ist eines gemeinsam: Sie entsprechen in ihren Methoden alten Fällen von Peter, die Harriet in ihren Büchern verwendet hat. So müssen sich die beiden auch wieder mit hrer gemeinsamen Vergangenheit auseinandersetzen.

Jill Paton Walsh schafft  auf diese Weise eine Ebene, in der ich als Leserin weiß, dass ich die Fälle durch die Romane von Dorothy L. Sayers kenne – die Figuren im Buch aber kennen sie durch Miterlebthaben oder durch die Romane von Harriet. Ein nettes Spiel mit Fiktionsebenen.

The Eagle and Child Pub in Oxford Handlungsort bei Jill Paton Walsh "The Late Scholar"

In diesem Pub sind Peter und Harriet dann auch mal – und Peter hat Gelegenheit, sich sein früheres Verhalten vorzuhalten; seine Selbstkritik ist nicht ohne.

Jill Paton Walsh entwickelt die Geschichte der Familie von Peter weiter: Peter und Harriet sind seit einiger Zeit Duke und Duchess. Ihre Söhne sind Teenager. Auch der Sohn von Mervyn und Hope Bunter muss seine Zukunft ins Auge fassen. Die unterschiedlichen Begabungen der jungen Leute führen zu erstaunlichen Entwicklungen. Peters Mutter ist alt geworden, in ihrer Rede so lebhaft und konfus wie immer, aber im Ablauf ihrer Tage sehr viel ruhiger. Das Gesamtszenario gibt, gerade auch nach einem Unfall der älteren Dowager Duchess (also Peters Mutter – ich mag aber das Wort so gern; Helen ist natürlich auch Dowager Duchess … 😉 ) Gelegenheit, die eigene (Familien-) Situation zu reflektieren.  Jill Paton Walsh folgt dabei der Tendenz von Dorothy L. Sayers, die besonders Peter im Laufe der Zeit “menschlicher” und nahbarer gemacht hatte. Insgesamt empfinde ich die Weiterentwicklung der bekannten Charaktere – von Peter und Harriet über Bunter und die Dowager Duchess bis hin zu Freddy und Rachel Arbuthnot – als sehr stimmig..

Ja, das Buch hat mir sehr gut gefallen. Die Handlung ist komplex und herausfordernd. Die Entwicklung der Familie ist nachvollziehbar und den geänderten Umständen – wir schreiben die Jahre 1952 und 53 und in England „herrscht“ wieder eine junge Königin – angemessen. Besonders hübsch finde ich im letzten Kapitel die Impressionen über das studentische Leben Oxfords, die Jill Paton Walsh liebevoll ausbreitet, bevor Peter als Visitor des Colleges seine letzte wichtige Amtshandlung ausübt. Ich kann das Buch allen Sayers-Fans empfehlen.

Über die Sprache kann ich nicht wirklich urteilen, da ich keine Fachfrau für Englisch bin – ich fand es aber trotz meiner nicht besonders tollen Sprachkenntnisse angenehm zu lesen und teilweise sogar witzig. Wenn auch vielleicht an anderen Stellen, als Jill Paton Walsh sich das gewünscht hätte. So fallen mir als Nicht-Native-Speaker ein paar Wörter auf, z. B. “browse” im Sinner von “stöbern” – die Seelenverwandtschaft von Peter und Harriet drückt sich dadurch aus, dass ihr Verhalten in der Buchhandlung Blackwell’s wie folgt geschildert wird:

Harriet spent the first part of her morning browsing happily in Blackwell’s (S. 89)

 

Peter strolled into Blackwell’s and browsed happily for a while. (S. 138)

Kann natürlich auch sprachliche Einfallslosigkeit sein – glaub ich aber nicht 😉

Jill Paton Wals: The Late Scholr. Peter Wimsey investigates, based on the characters of Dorothy L. Sayers, Hodder & Stroughton, London, 2013, ISBN: 9781444760873

Der irische Löwe von Annelie Wendeberg

„Der irische Löwe“ – was kann ich mir darunter vorstellen? Annelie Wendeberg steigt mit diesem historischen Krimi in die Slums von London Ende des 19. Jahrhunderts. Der männliche Part des Ermittlerduos ist ein irischer Einbrecher von hünenhafter Gestalt und mit roter Mähne. Er heißt Garret. Der weibliche Part heißt Anna, lebt im Slum, ist als Krankenschwester bekannt und birgt ein Geheimnis.

Der erste Kontakt der beiden ist dramatisch: Garret taumelt mitten in der Nacht schwer verletzt in Annas Wohnung, um sich verarzten zu lassen. Bei ihrer Arbeit im Slum begegnet Anna eine junge Prostituierte mit aufgeschlitzter Wange. Sie versorgt die Wunde des Mädchens und will wissen, wer ihr diese Verletzung zugefügt hat. Da das Mädchen kein Geld verdienen kann, fliegt es aus dem Puff – Anna macht sich Sorgen. Bei ihren Nachforschungen erfährt sie von einem vornehmen Freier mit merkwürdigen Gelüsten: Er pflegt die Prostituierten mit einem Messer zu „kitzeln“, fügt ihnen also Verletzungen zu – aber nur “leichte”. Außerdem bevorzugt er Frauen während ihrer Menstruation.

Mit ihren Nachforschungen begibt sich Anna auf gefährliches Gelände, was sie im direkten Kontakt mit diesem Freier auch zu spüren bekommt. Garret, der für die zierliche Frau Zuneigung empfindet, schwingt sich zu ihrem Beschützer auf. Immer wieder begegnen die beiden einander und Anna fasst nach und nach Zutrauen. Doch ist sie nicht bereit, ihr tiefstes Geheimnis mit ihnen zu teilen. Da führt auch der Klappentext ein wenig in die Irre, denn ihre Tätigkeit als vorgeblich männlicher Arzt in einer Klinik spielt im Roman selber nur diese Rolle: Annas großes Geheimnis.

Wentworth st, Whitechapel Wellcome L0000878

An solchen Szenen muss Anna jeden Tag vorbei – statt wegzuschauen, bringt sie Hilfe. (c) https://wellcomeimages.org/indexplus/image/L0000878.html

Annelie Wendeberg entfaltet das Elend im Slum in vielen Facetten. Da sind die unterschiedlichen Kategorien von Prostituierten, die verwahrlosten Kinder, der Dreck und die schlechte Luft, das schlechte Essen und das wenige saubere Wasser. Anna und Garret sind die beiden Figuren mit Erfahrungen von außerhalb des Slums, die dieses Elend mit einem wünschenswerteren Leben vergleichen können. Sie beide und mit ihnen Annelie Wendeberg akzeptieren die Umstände im Slum sehr nüchtern. Auch wenn ich manchmal den Eindruck hatte, dass Annelie Wendeberg ein bisschen zu sehr ins Detail ging, hat sich in den meisten Fällen die Zusatzinformation als durchaus relevant erwiesen. Allzu detailliert möchte ich mir die Umstände, unter denen Anna und Garret leben und ermitteln, nicht vorstellen.

Im Grunde ist ein Großteil des Buches die Annäherung der beiden unterschieldichen  Menschen Anna und Garret – eine Liebesgeschichte. Und: Ja, es ist auch ein historischer Krimi. Deshalb werde ich über die Handlung weiter nichts verraten. Nur soviel: Als Leserin weiß ich mehr als Anna und Garret je erfahren. Und wirklich beruhigt kann ich am Ende nicht sein …

Mit gerade mal 200 Seiten ist diese Buch überschaubar – eine durchaus spannende und informative  Lektüre für zwischendurch (also “infomativ”, wenn man ws über die Elendsquartiere von London Ende des 19. Jahrhunderts wissen will und für Dickens’ Schmöker gerade nicht die rechte Muße hat 😉 )

Der Roman ist der erste einer Reihe.

Annelie Wendeberg: Der irische Löwe. Ein Anna Kronberg Krimi, übersetzt von Kathrin Bilefeldt und Jürgen Bürger, Kiepnehuer & Witsch Verlag, Köln, 2018: ISBN: 9783462047639

Das Buch ist in der Stadtbibliothek Köln vorhanden – ebenso wie weitere Bände dieser Reihe.

Sanditon von Jane Austen und Marie Dobbs

Was hat Jane Austen doch für eine wunderbar skurrile Familie mit den Parkers geschaffen. Ein Jammer, dass sie dieses Buch “Sanditon” (das bei ihr noch “Die Brüder” hieß) nicht mehr fertigstellen konnte. Doch mit der Fortsetzung von Marie Dobbs aus den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist dieser Fehler nun 😉 auch behoben.

Worum geht es in Sanditon?

Badekarren Cuxhaven

Die Badekarren in England sahen so ähnlich aus, wie diese Exemplare von der deutschen Nordseeküste

Mister Parker ist ein Enthusiast. Alles und jeden will er mit Meerwasser und Seeluft kurieren – eingeschlossen seinen eigenen Knöchel, den er sich auf der Suche nach einem Arzt für „seinen“ Badeort Sanditon verknackst hat. Aus Dankbarkeit für die Gastfreundschaft der Familie Heywood laden er und seine Frau deren Tochter Charlotte zu einem Aufenthalt in besagtem aufstrebenden Kurort ein. Hier begegnet Charlotte der Geschäftspartnerin von Mister Parker, Lady Denham, und ihrer jungen Verwandten Clara. Außerdem erscheinen, kurz nachdem sie das Seeklima als eigenes Todesurteil abqualifiziert hatten, Mister Parkers Schwestern mit dem jüngeren Bruder Arthur in Sanditon. Als Gäste stellt sich eine Gruppe Frauen ein – eine Matrone, die drei junge Frauen in Pension genommen hat. Charlotte hat jede Menge Gelegenheit, die hypochondrischen Ergüsse der Geschwister Parker zu beobachten und sich ihre Gedanken dazu zu machen. Auch Lady Denham hat weitere Verwandte vor Ort, den jungen Lord Denham und seine Schwester, die von einem Freund begleitet werden. Einer der Brüder Parker fehlt noch in der Galerie, als Jane Austen die Arbeit an dem Roman aufgeben musste; bzw. taucht er im letzten Kapitel gerade auf.

Von nun an übernimmt Marie Dobbs

Und sie macht es so geschickt, dass der Übergang kaum merklich ist. Sie entwickelt die verschiedenen Irrungen und Wirrungen zwischen den jungen Leuten aus dem vorgegebenen Material. Ihre Figuren entwickeln streckenweise mehr Dynamik, als wir sie in dieser klaren Form von Jane Austen gewöhnt sind. Doch alles in allem entsprechen sie dem, was Jane Austen vorgelegt hat. Besonders hervorheben möchte ich, dass sie die inneren Monologen, die Charlotte schon unter Jane Austens Regie führt, weiter nutzt und ihr auch, so wie wir es von den anderen Romanen gewohnt, sind, genügend Raum für einsames Nachdenken zubilligt.

Der nahtlose Übergang von der einen zur anderen Autorin mag auch daran liegen, wie das Buch übersetzt wurde; mir liegt eine Übersetzung von Elizabeth Gilbert vor. Der Vergleich mit der Übersetzung von Christian Grawe in den ersten elf Kapiteln von “Sanditon” zeigt deutliche Unterschiede in mancher Wortwahl. Doch ist nicht auszuschließen, dass Christian Grawe im selben Stil auch den Text von Marie Dobbs übersetzt hätte. 😉

Marie Dobbs – huch, wer war denn das?

Es ist nicht die einzige Arbeit, die Marie Dobbs als Fortsetzung oder Zuarbeit vorgelegt hat. Sie sagte von sich selbst, sie sei eine „Beenderin“ und gebe nicht auf, bevor das Ergebnis sie zufrieden stelle. So hat sie als Journalistin gearbeitet und auch mit dem Autor der James-Bond-Romane, Ian Fleming. Sie reiste viel – Griechenland und die UdSSR waren ihre Ziele. In Moskau heiratete die junge Australierin Mr. Dobbs, der an der Botschaft arbeitete. Unter Pseudonym veröffentlichte sie Kurzgeschichten und zwei Romane um „Miss Bagshot“. Bis zu ihrem Lebensende 2015 war sie, dem oben zitierten Zeitungsartikel nach zu urteilen, eine Frau von Witz und Esprit und eine nimmermüde Geschichtenerzählerin.

Jane Austen und Marie Dobbs: Sanditon, übersetzt von Elizabeth Gilbert, Ehrenwirth Verlag, München, 1980, ISBN: 3431023002

Der Beitrag gehört in meine Blogreihe zum 200. Todestag von Jane Austen am 18.7.2017.

Gedicht zumm Tag – Herbst von Rainer Maria Rilke

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke

Jane Austen und ihre Nachfolgerinnen – Nachahmerinnen?

Es gibt ja eine Menge Romane, die auf die Texte von Jane Austen zurückgehen – heute ist eine besondere Gruppe dran (in Auszügen!): die der Chick-Lit.

Zu Chick-Lit gibt es hier  und hier ein paar grundlegende Informationen. Im Rahmen von „Beloved Jane“ bin ich über solche Bücher gestolpert. Hier will ich nun drei Beispiele vorstellen – es gibt sehr viel mehr …

“Vermählung” – nach “Stolz und Vorurteil” von Jane Austen

Curtis Sittenfeld hat mit „Vermählung“ (im Original „Eligible“) eine Adaption von „Stolz und Vorurteil“ verfasst, was auch als Untertitel angegeben ist. Namen und Charaktere hat sie fast 1:1 übernommen, das Ganze aber ins Heute verlegt. Die größte Änderung ist das Alter der Leute: Jane ist fast 40! Gut, nach damaligem Verständnis war auch die originale Jane Bennet ein spätes Mädchen, mit 21 Jahren und noch nicht verlobt, geschweige denn verheiratet. Die aktuelle Jane ist also fast 40 und darauf aus, endlich Mutter zu werden, das ist aber eine andere Kategorie. Mr. Bingley ist hier ein schüchterner Arzt, der als Kandidat in der Fernsehshow „Vermählung“  zu sehen war (entspricht im realen Fernsehleben wohl „Der Bachelor“ – so eine Kuppelshow eben.) Jane wird schwanger – künstliche Befruchtung. Und Bingleys Freund Darcy interessiert sich für Janes Schwester Liz – Zoff zwischen den beiden ist die Regel. Am Ende kriegen sich alle. Weiterlesen